Die Nächte

 

 

Wie sie sind

Eigen in ihrem Reigen

Der Morgen

Weckt mich schwächer

Manchmal heiter

Der Tag

Breitet sich vor mir aus

Wie Ebbe und Flut

Kehrt er wieder und wieder

Der eine nächste Schritt

Im menschlichen Reigen

Manchmal endet der Tag

Schwächer, manchmal heiter

Die Nacht nimmt mich mit auf ihren Wegen

Und immer so fort

Und immer so fort

Leb ich mein Leben

Dieses nie Gedachte

 

 

 

 

 

 

Mag sein, es hat sich früher angekündigt. Sicher hat es sich früher angekündigt, aber ich hatte keine Zeit damals, damals hatte ich keine Zeit; für mich.

 

Ich hatte viel zu tun, vieles was ich meinte tun zu müssen, vieles was ich tun wollte – vieles Schöne auch...

 

Vieles hielt ich für wichtig – Prioritäten ändern sich. Seh die Menschen draußen wie sie rennen – ohne anzuhalten – der Gedanke schon beim nächsten Schritt – selten da wo sie sind.

 

Was würde mein heutiges Ich meinem damaligen Ich sagen? Wär es aufzuhalten gewesen? Gab es Schnittstellen zur Weichenlegung? Ich weiß es nicht und erinnere mich auch immer weniger – an dieses frühere Ich und bin trotzallem – im siebenden Jahr noch nicht in meinem jetzigen angekommen...ich weiß mein Leben zu leben und es ist auch gut so wie es ist – es hat sich neugestaltet – aber wundern tu ich mich noch immer...gibt es Schnittstellen für eine neue Weichenlegung?

 

Aber es gab diesen einen Punkt – in meiner Erinnerung diesen einen Punkt – der 23. Januar 2011 – ich weiß nicht mehr viel – mein Gedächtnis verflacht mit der Zeit – vielleicht ist das auch gut so – aber diesen einen Punkt – vielleicht, wie die Sekunden vor einem Unfall – es sind nur Sekunden – vielleicht weniger und trotzdem ist alles ganz klar – und ganz unverstehbar...dieser eine Moment – als etwas in meinem Körper geschah – wurde da die Weiche umgelegt?

 

Ich kann dieses Gefühl kaum beschreiben – ich lag – wie so oft in der Zeit noch zwischen Wechsel von Arbeit und Krankschreibung – ich lag – und dann geschah etwas – fragt mich nicht was – es geschah etwas in meinen Körpersystem – ja jetzt wo ich es schreibe – das kommt hin...eine Weiche wurde verschoben...damals wusste ich nicht was passiert – ich kannte niemanden mit einer ähnlichen Erkrankung und ich kannte überhaupt nicht – dass man aus so einem Zustand vielleicht nicht mehr herauskommt...ich konnte also weder wissen was ich spürte noch phantasieren – es war dieser Moment – etwas war Anders – so anders Anders, dass ich keinen Vergleich hatte und in dem Moment auch nicht wusste was das bedeuten würde – nur „dass etwas geschehen ist“...etwas das alles ändert. 

 

Ich weiß auch noch die letzten Tage davor – und hoffe – auch wenns schmerzt nicht zu vergessen – das letzte Mal auf dem Fahrrad – dieses Gefühl – Pedale zu treten, Wind, Fortbewegung aus meiner eigenen Kraft heraus – ich weiß noch den letzten Tanz – ich weiß noch den letzten Tanz....

 

Meine letzten Tage bei der Arbeit – diese seltsamen Zustände meiner Blackouts/Schwindel... – die Kollegen die mich instinktiv schützten bei Sitzungen – mein Wort oder Aufgaben übernahmen – über meine Briefe lasen – da ich nicht mehr in der Lage war in zusammenhängenden Sätzen zu schreiben – ich weiß noch den letzten Tag bei meiner Arbeit...es war tatsächlich Freitag, wie es sich gehört – Freitagmittag – es war keiner mehr da...dieses Gefühl – ich räumte meinen Schreibtisch auf – legte zu Erledigendes ganz oben – der Körperinstinkt sagte mir – vielleicht komm ich am Montag nicht wieder – dann sortierte ich noch vor für die nächste Woche – (aber da würde ich ja wieder da sein...)...dann für den nächsten Monat....wie automatisch – ich sah mir dabei zu und fragte mich „was tust du da“ ? – Mein Körper wusste etwas – was ich nicht wusste.

Ich würde doch Montag oder Dienstag oder spätestens die Woche darauf wieder da sein...

 

So war es nicht – ich würde nicht mehr zurückkommen – die Kräfte waren erloschen.

 

Als ich nach über sieben Monate noch einmal dort war – für die letzten Papiere/Schlüssel – sah mein Schreibtisch unberührt aus – niemand hatte etwas verändert – er wurde zwar benutzt – aber immer so zurückgelassen wie ich ihn verlassen hatte....nichts  - war anders – als warte er auf mich – auf ungeschriebene Weise sagten die Kollegen „ das ist doch dein Schreibtisch“ – Bilder von meinem letzten Urlaub hingen noch an der Wand – meine Notizzettel lagen noch dort – die Pinnwand – nichts war verändert worden.

 

Sie ließen mir Zeit – ich durfte alleine in den Raum und mich verabschieden – ich nahm die Bilder von der Wand -  ...

 

Trotzdem – war mir damals nicht klar – irgendwann würde ich wieder arbeiten – woanders....vielleicht brauche ich auch ein bis zwei Jahre – aber so ist und war es nicht. Inzwischen frühberentet und Pflegestufe. Mit 47 Jahren – jetzt im siebenden Jahr.

Wer erkrankt ist erlebt Veränglichkeit hautnah, nicht mediativ sondern ganz real - und nicht auf den Weg zum Tod hin sondern im Verlauf vieler Jahre....ich hoffe den Punkt in mir zu finden - der unabhängig ist, unabhängig von dem was lebt und von dem was stirbt.

 

Der Punkt ist – dass das Vergängliche nicht an irgendeinem Punkt in der Zukunft zu finden ist für mich – es ist da – jeden Tag und jede Nacht. Ich weiß nie wie ich aufwache und ob die Kräfte für die Tage (wie ich sie lebe) reichen. Ob die Umgebung für mich so ist – dass sie lebbar ist – es ist in vielem noch lebbar – aus diesem Punkt in mir heraus – und mit der Gnade – ich kann in die Stille gehen, ich kann mit mir sein – unabdingbar – dass sind die Skills dieser Erkrankung – meine Symptome ziehen einen engen Kreis – aber noch wenden sie sich nicht komplett gegen mich – noch habe ich eine lebbare Umgebung – es gibt Menschen, die möchten, dass es mich gibt – dafür und für diesen Punkt in mir – der nichts mit Sterben und Leben zu tun hat – lebe ich jeden Tag Schritt für Schritt – halte meine Gedankenkräfte am Leben und wenn noch bißchen mehr übrig bleibt auch meine Gefühlskräfte – finde neue Möglichkeiten, auch in der Isolation und auch – in kurzen Begegnungen – das Einlassen auf das Nichtkalkulierbare ist meine Praxis, das Zulassen von Angst und Schmerz und das weitergehn/weiterliegen – bis der nächste Schritt möglich wird – ich weine wenn ich an meinen letzten Tanz denke – und das „Abhängig sein“ ist wider meiner Natur.

 

Ich beobachte – und verstehe nicht – wohin die Welt draußen renntwir haben doch nur dieses Leben – und im Augenblick des Sterbens sind wir doch alle gleich. Menschen die auf der Flucht sind, Menschen die mit (Schadstoff)Umwelteinflüsse, Strahlung, Leistungsanforderungen nicht mehr zu Recht kommen - die darunter leiden, deren Angehörige darunter leiden, Jugendliche und Kinder - die nie die Chance auf ein selbsständiges Leben bekommen - und in keinem medizinischen System aufgefangen werden...wie würde sie wohl aussehen, eine lebbare Welt für uns alle...?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn ich liege

 

Muss ich zulassen

 

Mich nicht verlassen

 

Lasse zu, dass alte Verknüpfungen

Nur alte Wege zulassen

Und neue Verknüpfungen

Neue Wege

 

Entwirrung

 

Knüpfe an meinem Lebensfaden

Spinne am Netz meiner Möglichkeiten

 

Wenn ich zulasse

Mich nicht verlasse

 

Auch in der Stille nicht

 

Atem strömt

Herz klopft

Lausche

 

Bin noch am Leben