Arzt-Patienten-Interaktion oder die Asymmetrie einer Begegnung

 

 

Was benötigt der Mensch............?

 

... und genau das benötigt ein chronisch kranker Mensch auch!

 

 

 

 

 

 

(....frei nach Maslow und Rosenberg)

 

Die Besonderheit einer Arzt-Patienten-Interaktion liegt vor Allem darin, dass es sich um eine institutionelle Kommunikation handelt.


Die Kommunikation verläuft meist in asymmetrischer Form. Der Patient kommt aus einer Notsituation…für den chronisch erkrankten Patienten sind sämtlich oben genannte Bedürfnisse in Gefahr!


Er sucht Antworten, er sucht Hilfe, …und vor allem benötigt er Unterstützung in einer ihm neuen oder schon lang anhaltenden belastenden und unsicheren Situation.


Die „Rolle“ des „magischen Arztes“, der Antwort auf alle Fragen weiß, ….der alles heilen kann und für jedes Symptom die richtige Antwort hat – ist in der heutigen Zeit längst überholt.


Genauso wie die des „hörigen“ Patienten….Leider ist der Wunsch im medizinischen System, das immer weiter von der Ökonomisierung eingenommen ist und vom Arzt verlangt in wirtschaftlichen Einheiten zu denken, Heilung und die Lösung aller Probleme zu finden, immer noch vorhanden.


Die Fragmentierung des Menschen und die Spezialisierung auf allen Gebieten in „Einzelteile“ um „effektiv“ handeln zu können – betrifft leider oft auch das gängige Menschenbild in unserer Gesellschaft.


Die Selbstverantwortung eines mündigen Patienten in einem medizinischen System, das immer unübersichtlicher und vielfältiger wird – wird nahezu lebensnotwendig.


Andererseits ist gerade der chronisch Betroffene – dessen gesamte Lebenswelt (Gesundheit/Arbeit/Existenz/soziales Umfeld) auf dem Spiel steht - in einer enormen Stresssituation.

 


Der Arzt und die pflegende Menschen wiederum haben sich auf ihrem Lebensweg dafür entschieden, heilend und hilfreich für andere Menschen da zu sein.

 

 

Warum gestaltet sich das dann oft so schwierig?

 

Der Patient befindet sich in einer für ihn außergewöhnlichen krisenhaften Situation. Oftmals befindet sich der chronisch Erkrankte schon längere Zeit im Krankengeldbezug – dieses läuft aus – die Aussteuerung wird angedroht. Der Arzt selbst ist Teil des anlaufenden Systems – im Sinne der Berichterstattung oder Gutachten, die den weiteren Verlauf (Kur/Reha/Rente/Therapiemöglichkeiten) mitbestimmen.


Der Patient entbindet „seine Ärzte“ von der Schweigepflicht gegenüber den entsprechenden Behörden. Krankenhausberichte oder Patientenakten dürfen leider immer noch, immer wieder vom Patienten nicht persönlich eingesehen werden! (Trotz Patientengesetz)


Findet der Arzt keine adäquate Benennung der Erkrankung, tauchen Begrifflichkeiten auf wie somatoforme Störung, Hypochonder, Anpassungsstörung, Angststörungen….


Der Arzt befindet sich gewollt oder ungewollt in einer unterschwelligen Machtposition…es geht, bei längerer Erkrankung fast immer, abgesehen von dem starken Wunsch nach Heilung oder Verbesserung der Situation, auch um die Existenzfrage.

 

 

….wenn ich jedoch dem Arzt widerspreche…zuviele Fragen stelle….selber mit Informationen komme, meine Akten einsehen will, mit der Diagnose nicht einverstanden bin, einen weiteren Arzt fragen möchte….verliere ich ihn dann?!

 

Im Zusammenhang mit cfs...durch das Sitzen im Wartezimmer, das Laufen durch Gänge, anstrengende Untersuchungen..ist der Betroffene kaum mehr in der Lage die Kräfte zum Denken, zum Sprechen zusammenzuhalten - ständig den nächsten Zusammenbruch vor Augen und die sich nachziehende Verschlimmerung der Symptome - (aber auch das darf nur in den seltensten Fällen im Vorfeld erwähnt werden...)

 

 

Der Patient muss lernen, dass seine Glaubwürdigkeit, seit der Beginn der Erkrankung fast permanent auf dem Prüfstand steht!

 

 

 

 

 

 

 

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Ist den Ärzten diese Form der asymmetrischen Kommunikation bewusst?

 

Die Kunst des Heilens - bedeutet auch Begleitung, Begegnung -

einen Weg zusammen gehen! 

 

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Im Bereich der Palliativmedizin und im Umgang mit sterbenden Menschen ist dies schon länger ein Thema, denn der „sterbende“ Mensch fällt genauso aus der Maschinerie des Machbaren heraus.
Chronisch erkrankte Menschen – leben oft über Jahre / Jahrzehnte in der „Warteschleife“. Insbesondere im Leben mit dem chronic fatigue syndrom und mcs (andere Erkrankungen mit ähnlichen Einschränkungen seien hier mit eingeschlossen).

 

 

Was macht es also so schwer im Gesundheitssystem dem Menschen gegenüber (mit)

 

  • Empathie, Zuwendung und Mitmenschlichkeit zu begegnen?
  • Toleranz und Akzeptanz individuelle Entscheidungen von Patienten anzunehmen?
  • Über die funktionale Ebene die personale Ebene in der Arzt-Patienten-Begegnung zuzulassen?
  • Mit Ernsthaftigkeit und Achtung gegenüber den Ängsten und Befürchtungen des Patienten umzugehen?
  • Eigene Reflektion möglichen Dominanzstrebens, Bevormundung oder Manipulation abzubauen?
  • Sich der offenen Auseinandersetzung dieser Lebensbegegnung zu stellen und die bestehende Asymmetrie abzubauen und mit zu berücksichtigen?
  • Das Recht auf Autonomie und Selbstbestimmung anzuerkennen und zu unterstützen?
  • Der Auseinandersetzung mit den eigenen Grenzen, Zielen, Erwartungen und die Einübung einer achtsame Kommunikation?

 

(Hier Beispielhaft aus dem Curriculum Palliativmedizin für Ärzte (Müller et al, 1997, S. 103 in "Innehalten ist Zeitgewinn" Praxishilfe zu einer achtsamen Sterbekultur 2009 von Eva Sabine Saalfrank)

Weitere Quellen: Hartmut Schröder; Theoretische Aspekte der Arzt-Patienten-Interaktion; https://www.europa-uni.de/de/forschung/institut/institut_intrag/texte/API.pdf

[Die Angst des ArztesDtsch Arztebl 2014; 111(13): A-546 / B-470 / C-450Schiltenwolf, Marcus; Sack, Martinnbsp]

Gewaltfreie Kommunikation; Eine Sprache des Lebens von Marshall B. Rosenberg, Junfermann Verlag Paderborn 2005

Die Kunst zu leben von Rolf Verres im Piper Verlag München/Zürich, 2 Auflage 1997

Medizin ohne Maß; Vom Dikat des Machbaren zu einer Ethik der Besonnenheit von Giovanni Maio, Trias Verlag 2014

 

 

 

 

 

Somatisierungsblockade ....in den Köpfen der Ärzte - schränkt die Behandlungs-und damit Lebensqualität von ME/CFS Betroffenen erheblich ein (oder gefährdet diese sogar) - eine sehr interessante Betrachtung von Elianor Hoffhallen vom Oktober 2016 auf der Facebook Seite von : Seid Knospen!  (Unterstützt ME/CFS Patienten)